Israel-Studien in Deutschland - Mehr als Konflikt?

Nach langen Überlegungen und beinahe noch längeren Recherchen habe ich mich entschlossen, das alltägliche Israelgeschäft und die regelmäßige Lektüre in ein Dissertationsthema einfließen zu lassen.

Verkürzt geht es mir um eine Leistungsanalyse der israelischen Parteiendemokratie. Die Knesset mit ihrer bunten Parteienlandschaft und wechselhaften Koalitionen stellt gewissermaßen die Diskussionslinien innerhalb der israelischen Gesellschaft dar. Indem ich die Dynamik von Koalitionsverhandlungen beleuchte, kann ich unter Umständen auch verstehen, wie weit die Demokratie als Kanalisierung innergesellschaftlicher Konflikte dienen kann.

 

Aber um das Thema soll es gar nicht gehen. Stattdessen habe ich ein viel pragmatischeres Problem - wem dieses Thema anbieten?

Tatsächlich gibt es in Deutschland weiterhin keinen ständigen Lehrstuhl für Israelstudien. Wenn es um dieses Land geht, dreht sich die öffentliche Wahrnehmung im allgemeinen um eins der drei folgenden Themen: Nahost-Konflikt, Antisemitismus, jüdische Kultur/Geschichte. Dementsprechend wurden im Laufe der Jahre entlang dieser Schwerpunkte Institute begründet, mitunter auch erfolgreich. Die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg hat einen exzellenten Ruf, die Antisemitismusforschung ist international anerkannt.

Und doch: wenn es um die politikwissenschaftliche respektive soziologische Befassung mit Israel geht, hat die deutsche Hochschullandschaft Ebbe. Die Literatur bestätigt es: lassen wir die deutsch-israelischen Beziehungen und den Konflikt aussen vor, müssen wir auf englischsprachige - oder gar hebräische - Analysen zurückgreifen.

 

Diese Frage kam mir durchaus aus Eigeninteresse, immerhin möchte ich daraus eine Promotion zimmern, aber dennoch: weshalb sind Forschungsstudien zu Israel so rar gesät? Die HfJS hat mittlerweile eine Stiftungsprofessur für "Israel and Near Eastern Studies" - aber durch die Rotation wohl eher ungeeignet für Doktoranden. Die Universität Mainz bietet immerhin eine Studienstelle Israel - bezeichnenderweise angedockt an den Lehrstuhl für Innenpolitik...

 

Ich meine, der wissenschaftliche Fokus greift hier zu kurz. Das politische System Israels hat viele Anknüpfungspunkte, die eine ausführlichere Betrachtung verdienen: das Vielparteiensystem mit wechselhaften sozialen Spannungspunkten zum Beispiel. Israel ist neben Großbritannien übrigens die einzige Demokratie ohne konsistenten Verfassungstext. Auch die Vernüpfung von "good governance" und wirtschaftlichem Aufschwung wäre interessant.

All das entwertet nicht die anderen Themenschwerpunkte zu Konflikt, Rechtsextremismus usw. Aber vielleicht geben Sie mir ja recht, wenn ich sage: Israel und der Nahe Osten haben sich in den vergangenen Jahren zu "1-Themen-Regionen" entwickelt, und diese Einschränkung lässt sich in der öffentlichen Wahrnehmung immer wieder beobachten.

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