Wo wäre Europa hingekommen?

"Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen", schrieb Kurt Tucholsky einst in der Weltühne. Und wieder einmal geistert die Kunde vom "Früher war alles besser" durch die Landschaft, erfasst Zeitungen und Expertenrunden. Ein Problem wird bei der Diskussion um Euro-Bonds und gemeinsame Schuldverantwortung in der EU weiter geflissentlich übersehen: es gibt sie einfach nicht, die richtige Antwort.

Marc Schieritz ereifert sich im ZEIT-Blog Herdentrieb über die bewußte Verdrehung von Tatsachen in konkurrierenden Qualitätsmedien: "Denkfaulheit ist die wohlwollende Interpretation, Stimmungsmache die wahrscheinliche." Recht hat er, Experten, Journalisten und Stammtischredner beschwören allesamt das Böse herauf, und selbstverständlich wollen sie dieses Böse mit ihren Thesen untermauern.

Dabei scheint mir die Erklärung einfach. Wir sehnen uns unverändert nach einer einfachen Antwort, die idealerweise so aussieht: wir haben alles richtig gemacht, nur der andere war gemein und hinterhältig. Und damit wir ja nicht übervorteilt werden, schmeißen wir ihn jetzt raus. Zum Beispiel aus der Euro-Zone, wenn es ins Bild passt.

Die Europäische Union wird noch auf lange Zeit ein Kommunikationsproblem haben, daß nicht so einfach zu beheben ist. Internationale Politik produziert nun mal kein Gut und Böse mehr, wie es der Zeitungsleser gewohnt ist, die klassischen Schubladen sind alle aufgegeben worden. Zeit, über komplexe Zusammenhänge nachzudenken. Das bedeutet Unsicherheit, ja. Das würde aber auch bedeuten, daß wir endlich Politik nicht mehr als Ganovenspiel auf der Straße deuten und aufhören, uns die Welt so hinzudeuten, daß wir auch im richtigen Licht stehen.

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