Wo "Griechenland" nur nach deutschem Nationalismus riecht

"Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein."

Kurt Tucholskys Appell an den Liberalismus ist aktueller denn je. Immerhin scheint die german angst um das schöne Geld nun doch alle Europa-Bekenntnisse über den Haufen zu werfen. Da ist es beinahe schon eine Exotenmeinung, wenn Robert von Heusinger im ZEIT-Herdentrieb die billige Meinungsmache selbst seriöser Zeitungen anprangert.

Es ist schwierig geworden, eine klare und offene Wahrheit zu vertreten wie diese hier: Ich kann nicht einschätzen, wie Griechenland in der EU zu helfen ist. Aber noch schwieriger ist es, der weit verbreiteten und meines Erachtens nach typisch deutschen Einstellung entgegenzutreten: Hat der ehrlich arbeitende Deutsche sein Geld verloren an den hinterlistigen Griechen, der jetzt auch tote Rentner bezahlt? Nein.

 

Die Antwort scheint banal, aber sie trifft den Kern der Sache: in Krisenzeiten sucht die öffentliche Meinung nur allzu gern ihr Heil in nationalistischen Ressentiments. Immer wieder ist das zu hören: "Die haben auf unsere Kosten ein schönes Rentenleben gehabt." Oder auch (mein Favorit): "Wenn man die besucht, sieht man doch daß die nix für ihr Geld tun."

Die Nationalökonomie hat ihre Bedeutung verloren, weil Wirtschaft nicht mehr national gedacht werden sollte. Allein unsere Vorstellung von Marktwirtschaft ist da nicht mitgekommen. Die wirren Vorstellungen eines H.-W. Sinn über ein "Nullsummen-Spiel des Geldes" finden deshalb so großen Anklang, weil viele sich die Welt so vorstellen: der ehrliche deutsche Arbeitnehmer, umzingelt von Pharma-Lobby, Griechen und überhaupt "Den da oben."

 

Für die politische Kommunikation ist dieser Zwiespalt die Herausforderung überhaupt, finde ich: der riesige Graben zwischen globalisierten Prozessen der heutigen Welt und die individuelle Sehnsucht nach einer (nie so da gewesenen) guten alten, überschaubaren Zeit in Einklang zu bringen. Wer jetzt mit Angst vor Neuem Meinung macht, ist im wahrsten Tucholskyschen Sinne charakterlos. Es wird Zeit, den Mut aufzubringen und Nein zu sagen zu vermeintlich einfachen Wahrheiten!

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Kommentare: 2
  • #1

    Cornelius (Donnerstag, 16 Juni 2011 18:04)

    Hallo Helge,

    versuchen wir es doch mal mit folgendem Gedankenmodell, die Griechen, Iren, Portugiesen... —vermutlich die gesamte EU, erhöht die Steuern für Unternehmen und Konzerne und auch Einzelpersonen mit einem jährlichen Gewinn/Einkommen von 1 Mio. € vor Steuern auf 90%. Bei Kapitalerlösen wird die STeuer gar auf 95% erhöht.

    Allerdings!

    Die Abschreibung für getätigte Investitionen wird auf 5 Jahre heruntergesetzt. Was meinst Du wie schnell der Motor anspringt?

    Geht nicht? Doch, 1952 war der Spitzensteuersatz der Bundesrepublik bei 93%. Was ist passiert wir hatten das Wirtschaftswunder ;-)

    LG

    Cornelius

  • #2

    H E (Donnerstag, 16 Juni 2011 18:23)

    Lieber Cornelius,
    damit wäre deinem Wunschdenken schon mal der Tabestand des "Früher war alles besser" zu unterstellen... Den Mythos Wirtschafswunder aus den deutschen Köpfen zu kriegen ist wohl wirklich eine Jahrhundertaufgabe! ;-)
    Gruß
    HE